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INTERVIEW AUF neukoellner.net: "Ich erzähl den Leuten nichts Neues, sie brauchen nur eine Bestätigung" Von MAX BÜCH am 1. FEBRUAR 2012 Wenn sie ein eine Interviewanfrage bekommt, legt sie sich normalerweise ein paar Karten, ob sie darauf eingehen soll. Sie hat schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, vor allem mit dem deutschen Privatfernsehen. Für unsere Anfrage hat die Zeit zum Kartenlegen nicht mehr gereicht, wir haben aber schließlich auch keine versteckte Kamera dabei. Gabriela Füssel wirkt erstaunlich unesoterisch und bodenständig. Überhaupt hat man definitiv schon deutlich ausgefallenere Behausungen gesehen. Geschmackvolle Einrichtung, keine Kristalle, kein bunter Hippiekram – erstmal deutet nichts darauf hin, dass Frau Füssel hauptberuflich aus Tarotkarten liest ("geprüfte Tarotberaterin im Tarot e.V."). Allein die gerahmten Karten entlang der Treppe zu ihrem Büro im ersten Stock geben einen leisen Hinweis. neukoellner.net: Sind Sie gläubig? Gabriela Martina Füssel: Ja. Ich bin evangelisch, aber ich bin niemand, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Ich bin eine von denen, die an Weihnachten, Ostern und an den hohen Feiertagen geht. Es ist ja so, dass die Kirche die Karten verboten hat, wobei so viel christliche Symbolik darin ist, das ich nicht verstehen kann, warum das so ist. Wo liegt bei Ihnen die Grenze zum Aberglauben? Abergläubisch sind wir glaub ich immer. Wenn bei mir eine schwarze Katze von rechts nach links kommt, dann gelingt’s und geht sie von links nach rechts, dann pecht’s. Dann denk ich kurz drüber nach, aber danach hört es auch schon auf. Ich glaube an Gott und ich glaube auch, dass ich beschützt werde, z.B. durch meine Oma und meinen Mann, die schon vorausgegangen sind. Sie beschreiben auf Ihrer Homepage das Kartenlegen als eine Art Handwerk, das sie erlernt haben, in dem sie geprüft wurden. Hat das Legen nichts Übernatürliches, wie man klischeehaft vermuten würde? Man kann mit Kartenlegen nicht die Zukunft voraussagen. Ich kann Ihnen weder sagen: Sie werden in drei Jahren sterben, noch kann ich sagen: Sie werden in zwei Jahren im Lotto gewinnen. Ich kann immer nur auf Ihre Fragen eine Tendenz legen. Ich hatte letztens einen Herrn hier im Estrel. Dem sagte ich, dass es recht böse aussehe – er wollte was über seine Finanzen wissen. „Aber Sie kennen mich nicht?“ – Da sagte ich: nein. – „Ich hab nämlich Insolvenz angemeldet." Da ist man selbst auch schon mal überrascht, dass es so genau stimmt. Aber ich hätte ihm nicht sagen können, dass er in zwei Monaten im Lotto gewinnt und das alles ausgestanden wäre oder so. Haben Sie dennoch eine Art übernatürlicher Ader vielleicht? Ich bin kein Hellseher, definitiv nicht. Ich bin ein bisschen hellfühlig, das ist angeboren, aber auch auf Grund der langen Zeit, die ich mich mit den Karten beschäftige. Bestimmte Sachen sieht man oft, wenn der Mensch vor einem sitzt, da spielt Aura eine sehr große Rolle. Ich gebe die Karten aus der Hand, Sie mischen die Karten und geben ihre Energie an die Karten weiter, dann lege ich einen Fächer und Sie ziehen mit Ihrer linken Hand – das ist die unbewusste Seite – Ihre Karten. Auch wenn man nicht daran glaubt: Wir sind nicht alleine, wir werden geführt und geleitet – jedenfalls ist das meine persönliche Meinung. Ob man jetzt an Engel oder irgendwelche Energien glaubt, man geht bei mir nach einer Legung weg und hat das Gefühl: ich bon wieder geerdet, genauso hab ich das auch gefühlt. Ich erzähl den Leuten nichts Neues, sie brauchen meistens nur eine Bestätigung. Wie sind Sie zur Tarotberatung gekommen? Meine Oma hat sich hobbymäßig mit Astrologie beschäftigt und manchmal Skatkarten gelegt. Über eine Bekannte, die Tarotkarten gelegt hat, bin ich schließlich vor etwa 26 Jahren selbst dazu gekommen. Ich habe später beim Tarotverband eine Ausbildung gemacht, eine schriftliche Prüfung dort eingereicht – ich habe über Tarotsymbolik geschrieben, warum auf den Karten z.B. da ein Vögelchen sitzt und warum der Mond da kleiner als die Sonne ist, usw. Das habe ich eingereicht und nach bestandener schriftlicher Prüfung noch eine mündliche Prüfung abgelegt, bei der ich etwas über die Tarotgeschichte erzählen und zeigen musste, dass ich mindestens fünf Legesysteme beherrsche und Legesysteme auch anwenden kann. Welche Karten verwenden Sie? Ich lege vorwiegend mit Rider-Waite. Die sind von 1900 bis 1909 erstellt worden. Also neun Jahre hat die Künstlerin Pamela Cohlman Smith unter der Anleitung von Arthur Edward Waite dran gemalt; sie sind sehr detailgenau gestaltet. Legen Sie sich selbst die Karten? Selten. Ich ziehe jeden Morgen eine Tageskarte und sehe ganz genau, heute wird es so und so. Und wenn ich abends in Bett gehe, schaue ich nach, ob es gestimmt hat – es stimmt sicherlich nicht immer, aber meistens. Wenn jetzt der kleene Mann (ihr Enkel, Anm. d. Red.) nicht hier wäre, hätte ich mir das kleine Kreuz gelegt, ob ich das Interview geben soll. Was passiert, wenn ich das Interview gebe, wollen die mich übers Ohr hauen? Dann sehe ich: es ist ok oder es ist nicht ok. Haben Sie aber nicht getan? (Lacht) Ich hab nicht die Zeit gehabt. Ich könnte mir die Karten legen, aber man legt sie sich selbst immer zu negativ oder zu positiv aus. Wie kommen die Leute auf Sie, wie werden Sie als Tarotberatung gefunden? Als erster natürlich über meine Homepage, dann über Mundpropaganda von zufriedenen Kunden. Ich habe ab und zu einen Artikel im „Zukunftsblick“ veröffentlicht, das ist die Zeitschrift von Questico (Esoterikinfoportal im Internet, Anm. d. Red.), oder die haben mal angefragt, ob ich einen Artikel schreiben würde über die Kabbala oder zur Farbenlehre. Das lesen Menschen, die esoterisch veranlagt sind. Es kommen viele Leute, die sich in einer schlechten oder negativen Phase befinden oder die vor einer Entscheidung stehen und eine Lösung für ihre Probleme suchen. Ich hatte auch schon Leute, die hierherkommen und so zittern, dass sie die Karten nicht mischen können. Da muss man sensibel sein und langsam anfangen. „Die Karte heißt, dass Du melancholisch bist." Ich kann nicht gleich sagen: „Du stehst ja kurz vorm Suizid." Gibt es noch andere Bereiche, bei denen es grenzwertig oder schwierig wird? Wenn hier jetzt jemand sitzt und fragt: „Ich hab schon die dritte Chemo, wie lange hab ich noch?", dann muss ich passen. Dann weise ich ihn auf unseren Ehrenkodex, der verbietet medizinische Aussagen zu treffen, hin und schicke ihn zum Arzt. Oder: „Kannst Du gucken, ob ich schwanger bin?" Dann sag ich auch: „Geh zum Gynäkologen, das können die Karten nicht sehen.“ Obwohl es manchmal doch zu sehen ist, aber da würde ich nie etwas sagen. Vielen Dank, Frau Füssel, für das Gespräch. |
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